Diese Seite drucken
Ralf Schlatter
Verzettelt
Verlorene Worte und ihre Geschichte, Christoph Merian Verlag, 2008

Das Gedächtnis ist ein Sieb. Ständig vergisst man etwas. Also schreibt man es irgendwo auf - nur um es dann trotzdem zu vergessen. Ralf Schlatter nimmt sich in seinem neuen Buch «Verzettelt» dieser verschlampten oder vergessenen Notizen an. „Verlorene Worte“, so nennt er liebevoll jene Nachrichten, die das Grundgerüst seines neuen Werks bilden. Zerrissene Liebesbotschaften, Handynummern, Einkaufszettel, all diese Dinge findet der aufmerksame Betrachter allüberall. Sie mögen zwar achtlos daliegen, aber irgendwann einmal müssen sie eine Funktion gehabt haben. Sie haben etwas bedeutet. Ralf Schlatter gibt diesen Randerscheinungen schriftlicher Kultur einen neuen Sinn, indem er Hintergrundgeschichten entwirft, mehr noch: er gibt den hingekrizzelten Kleinigkeiten ein Eigenleben. Tortenlupfer. Dieses unscheinbare Wort auf einem verschmierten
Notizzettel gab den Ausschlag für die Entstehung des Buches. Ralf Schlatter fand es irgendwo auf einer Straße. Seit damals ist er fasziniert davon, diese flüchtigen Zeugnisse menschlichen Daseins zu sammeln und die manchmal kryptischen, manchmal banalen Stichworte mit einer Geschichte zu versehen.
Herausgekommen sind kleine Prosaskizzen, die hintersinnig und amüsant die menschliche Existenz beleuchten. Voller Esprit und mit viel Humor schildert der Autor die
Geschehnisse, die sich hinter den Nachrichten verbergen könnten. Über zehn Jahre hinweg sammelte er eine stattliche Anzahl vergessener oder verlorener Mitteilungen und haucht ihnen nun neues Leben ein. Franz Hohler, Ruth Schweikert und Christoph Simon ergänzen und bereichern dieses Dokument gewitzter Unterhaltung zudem kongenial durch Gastgeschichten. Fotografiert und mit einer Historie versehen werden die einzelnen Zettel zu einer Referenz an das moderne Leben. Ein Buch für den Augenblick, für den Alltag, für das Außergewöhnliche, kurz: für jede Lebenslage. Nach der Lektüre dieses Titels vermag der geneigte Leser nur an zwei Dinge zu denken: Doris bleibt Doris und Klaus. Sonst drohen innerfamiliäre Dramen. Und: Die Inspiration für ein gutes Buch liegt auf der Straße. (pd)


Zürcher Kantonalbank
 
 
 
Nora Gomringer: Klimaforschung
Uta Köbernick: Sonnenscheinwelt
Ralf Schlatter: Verzettelt